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VON NOTEN UND NÖTEN

Hier sind Sie beim Stammtisch der Altstars des ostdeutschen Schlagers und der Moderation. Bei diesem Treffen ging es nicht nur heiter zu. Denn die illustre Runde, von der die meisten ihre größten Erfolge in den 7Oer- und 80er-Jahren in der DDR feierten, fühlt sich von den Medien nicht mehr genug beachtet.
Stellen Sie sich vor, Sie hören im Radio das Lied ,,Am Tag, als der Regen kam", interpretiert von der Sängerin Regina Thoss, und fragen sich: ,,Thoss..., wer?" Die Frau, von der hier die Rede ist, halte ihre ganz große Zeit in den 1970er - und 1980er-Jahren, wie auch Chris Doerk, Julia Axen, Hans- Jürgen Beyer, Gerd Christian, Frank Schöbel, Holger Biege – alles Stars der DDR-Unterhaltungsmusik Wahrscheinlicher ist aber, dass Sie weder das Lied im Radio hören noch der Name genannt wird, weil nämlich Regina Thoss und ihre Mitstreiter in den Medien kaum oder gar nicht mehr gespielt werden. Doch dazu später. Dass die SUPERiIIU im 25. Jahr ihres Bestehens auf dieses Thema gestoßen ist, verdankt sie einem Mann, der sich seit der Wende redlich müht, ostdeutschen Schlagersängern von einst einen Platz im Radio und in Büchern zu verschaffen: Siggi Trzoß. Der 70 –jährige Texter, Moderator und Saenger schrieb das ,,Schlagerlexikon der DDR", moderierte die Radiosendung ,,Siggis Plattenschrank", ist seit Jahren mit dem ,,Kofferradio" online und auch ansonsten mit viel Herzblut dabei, Thoss und Co. einen unsterblichen Platz in der ostdeutschen Schlagergeschichte zu verschaffen. Dieser Siggi also arrangierte ein Treffen zwischen dem ,,Stammtisch der Altmeister des DDR-Schlagers und der Moderation "sowie SUPERillu-Redakteurin Bärbel Beuchler und Autor Marc Kayser, um auf genau jene Blumen zu sehen, die manchmal vorgeben, welk zu werden, weil sie niemand mehr gießt. Soll heißen: Da saßen Künstler, die nach dem Dafuerhalten vieler Unterhaltungschefs von Radio und Fernsehen angeblich niemand mehr hören will.
Ortstermin in der Kaulsdorfer Zanderstraße. Das Lokal heißt ; ,Zum Oberfeld". Der Nachmittag hüIlt sich in diesiges Licht, es geht auf die Null-Grad-Marke zu. Im Lokal fröhliches Geschnatter, eben eine gänzlich andere Temperatur, beinahe sommerlich von der Stimmung her. Regina Thoss, Maja Catrin Fritsche, Dagmar Gelbke, UIIi Schwinge,Hans-Jürgen Beyer, Urte Blankenstein, Giso Weißbach, Sven Simon, Lutz Hoff, Andreas Effer und der schon erwähnte Siggi Trzoß sitzen um einen langen Tisch herum, auf den die Wirtin Kaffeetassen und Teller mit allerlei Keksen stellt. Und ohne den anwesenden Damen und Herren Honig ums Maul schmieren zu wollen: Sie sehen gut aus, fein gekleidet, frisch frisiert. Es war also eine Art Familientreffen von Menschen, die zwar nicht miteinander verwandt sind, sich aber als eine große Familie fühlen, weil sie gemeinsam oder jeder fuer sich Höhen und Tiefen erlebt haben - das typische Auf und Ab, das jeder Künstler kennt. Man mag und schätzt sich, das wird schnell klar. Beyer scherzt mit Thoss, Gelbke mit Schwinge, Trzoß mit Autor Kayser, und Redakteurin Bärbel Beuchler fummelt anfangs erfolglos am Startknopf ihres Dik-tiergeräts. Als es endlich läuft, tritt der Ernst durch die Tür, die Temperaturen der Temperamente verändern sich erneut. Man hat ein Anliegen, man hat den unbedingten Bedarf,eine Ladung Unzufriedenheit loszuwerden und in die Öffentlichkeit zu tragen. Wem könnte man das besser erzählen", sagt Saengerin Regina Thoss mit Schmelz in der Stimme, ,,als SUPERiilu, der Stimme des Ostens?" Sie wirft ihr rotes Haar nach hinten, ihre Augen leuchten im Schein der Kerzen.
Und so tragen wir jetzt die Zusammenfassung zweier Stunden zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Stunden, in denen Ihre womöglich einst liebsten Schlagerinterpreten Worte wie Lassos durch die Luft warfen. Zum Beispiel der Schlagerproduzent und Sänger Ulli Schwinge: Mit viel Zorn und Hitze in der Stimme echauffiert er sich über den Verlust des ostdeutschen Schlagers im Radio. ,,Wir Altvorderen werden nicht mehr gespielt, wir werden vergessen, wir sind nur noch Randnotizen in der Welt des Pops. Wir verdienen keine Tantiemen mehr und überall, wo man hinhört, kommt Helene Fischer. " Womm! Thoss und Kollegen sehen etwas betreten auf den in Rage geratenen in Halle an der Saale lebenden Schwinge. Siggi Trzoß, der Stammtisch Organisator, räuspert sich. ,,Der Ulli malt das vielleicht etwas zu schwarz", sagt er schließlich, ,,aber da ist etwas dran. Die jungen Künstler wie Clueso oder Tim Bendzko kommen in den Programmen viel öfter vor als wir, die ehemaligen DDR-Künstler. " Woran das wohl läge? fragt er noch, dann schlagen die Wogen hoch, und Flutwellen unterschiedlicher, aber im Kern gleicher Meinungen bollern mit Karacho durch den Raum. Die Sängerinnen und Sänger, Produzenten und Texter sind sich einig: Man hat sie mit dem Mauerfall gleich mit abgeschafft. Doch wer ist ,,man"? Das Radio? Das Fernsehen? Oder doch das Publikum? Dessen Geschmack hat sich gewandelt, das ist auch den Anwesenden klar. Aber warum gelangen Thoss und Co., die immer noch Fangemeinden haben, nicht mehr so wie einst in die Medien? ,,Vielleicht haben Sie sich nicht oft genug neu erfunden?", fragt Redakteurin Beuchler. ,,Lindenberg macht bei MTV mit deutschen Jungstars wie Clueso und Jan Delay ein Unplugged-Konzert", sagt sie weiter, ,,Heino nimmt Rocksongs auf und Howard Carpendale macht eine Abschiedstournee nach der anderen. Es genügt eben nicht, nur eine CD anzukündigen, es braucht auch eine Geschichte dahinter. Leser und Hörer wollen etwas Neues erfahren. " Die Redakteurin schweigt kurz, blickt ernst in die Runde und resümiert: ,,Vielleicht müsst Ihr mehr fuer Euer Marketing tun? Vielleicht sind Eure Präsentationen nicht zeitgemäß genug?" Da faellt einem Andrea Berg ein, die auch nicht mehr die Jüngste ist, aber auf der Bühne einen auf Teenager macht – mit Erfolg. Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Waehrend Ulli Schwinge noch immer auf angeblich korrumpierte Radioredakteure eindrischt, die von einer Lobby amerikanischer Plattenkonzerne vor sich her getrieben würden, sehen das andere Stammtischler differenzierter. Maja Catrin Fritsche (,,Doch da sprach das Mädchen") gibt zu, dass sie selbst nichts dafür tue, in die Schlagzeilen zu kommen. ,,Vielleicht bin ich da zu bescheiden", sagt die 54-Jährige, merkt aber an, dass sie im Jahr etwa 28 Auftritte habe und in der Zeit um den Jahreswechsel in Dresden , Zeitz, Cottbus und Senftenberg auf Weihnachtsmärkten und in Einkaufscentern gesungen habe. Sie ist nur wenig älter als Andrea Berg.
,,Von irgendwas muss man ja schließlich leben", sagt Dagmar Gelbke in einem Ton, als wolle sie die Auftrittsorte Fritsches entschuldigen. Die Kabarettistin, viele Jahre Bühnenpartnerin von Helga Hahnemann, hat sich mit Lutz Hoff Mitte der 90er-Jahre an einer Hahnemann – Revivalshow versucht. Das ging schief. ,,Das Publikum war zu alt oder blieb weg erinnert sie sich, ,,auch die Hahnemann scheint vergessen. Gut aber, dass es noch die Preisverleihung Goldene Henne gibt." Danke fuer das Kompliment. SUPERiIIU hat genau deshalb diese Preisverleihung initiiert.
Fuer Urte Blankenstein, 70, die fast jeder im Osten aus dem Abendgruß des Sandmännchens als ,,Frau Puppendoktor Pille" kennt, ist ihre Prominenz sogar tragikomisch. Denn sie war bereits tot. ,,Trauer um Puppendoktor Pille" vermeldete im Mai dieses Jahres die Tageszeitung ,,Berliner Kurier". Gestorben war aber die Schauspielerin Helga Labudda, die zwischen 1963 und 1968 die Pille-Figur fuer das Kinderfernsehen spielte. ,,Hurra, ich Iebe noch!", ruft Urte Blankenstein seit Monaten all jenen zu, die ihrem Sohn noch immer Kondolenzschreiben schicken oder bei Veranstaltungen glauben, ein Geist stehe vor ihnen. ,,lch bin", sagt die etwas scheu wirkende Frau, ,,noch quietschvergnügt."
Lutz Hoff, 63, der fuer den Deutschen Fernsehfunk und später für den Mitteldeutschen Rundfunk von 1984 bis 1997 die beim Publikum ziemlich erfolgreiche Fernseh – Quizshow ,,Schätzen Sie mal" moderierte, hat einen Weg gefunden, sinkende Popularität intelligent aufzufangen. Der 63-Jährige gibt seine dreißigjährige Berufserfahrung weiter an Menschen, die andere - so wie er - mit dem gesprochenen Wort unterhalten wollen. Hoff coacht berufsunerfahrene Moderatorinnen und Moderatoren, aber auch Manager, Trainer und Verkäufer. Der einstige Quizmoderator verortet an jenem Nachmittag eine ,, komplizierte Lage zwischen dem Anspruch der Ostkünstler von einst und dem real existierenden Senderangebot" – und hat damit nicht ganz unrecht. Denn in einer Zeit, wo sich Unterhaltungsmusik zwar immer noch in Pop, Rock, Jazz und Chanson aufteilt, es aber allein im Pop etliche Stilrichtungen wie Synthpop, Britpop, Hip Hop, Electropop und Pop Soul gibt, ist eine Fokussierung des Publikums auf einzelne Altstars kaum vorstellbar - es sei denn, sie heißen Elton John, Tina Turner oder David Bowie und haben internationalen Ruhm. Dieser Ruhm war den ehemaligen Ostkünstlern schon deshalb nicht vergönnt weil die Mauer nicht nur ein Land, sondern auch die Welt des Showbiz teilte. Aber sind die frühere Bekanntheit und der alte Glanz wirklich verschwunden? Ein Blick auf die Liederliste vom heutigen Privatradio Berliner Rundfunk 91.4, dem einstigen Flaggschiff des DDR - Rundfunks, verheißt tatsächlich nicht viel Gutes im Sinne der Anwesenden. Sendungen mit Musik aus den 198Oer - Jahren verzeichnen keinen der Künstler des Stammtisches von Siggi Trzoß. Besser sieht es bei den MDR-Musikprogrammen aus Magdeburg, Dresden und Erfurt auch nicht aus. Der MDR-Rundfunk hat den Schlageranteil seit 2010 von 80 auf 25 Prozent reduziert. UIli Schwinge sagt dann auch mit einem gewissen Zynismus: ,,Der Hörer ist der Letzte, fuer den Radio gemacht wird." Diese Tendenz bestätigt auch die Arbeitsgemeinschaft Deut -scher Schlager und Volksmusik. Der von der AG ausgelobte Medienpreis ,,smago! Arvard" ging nicht umsonst an den Geschäftsfuehrer des Schlagersenders Radio B2, Oliver Dunk. ,,Während sich andere Sender vom deutschen Schlager und der Volksmusik verabschieden", befand die Jury, ,,hat Radio B2 diese Musikrichtung kontinuierlich ausgebaut. " Mehr als eine Randnotiz dürfte die Hörerstruktur des Senders sein: Immerhin hören Radio B2 Menschen zwischen 35 und 65 Jahren. Die allgemeine Meinung, Schlager sei nur etwas fuer Betagte, ist zumindest hier widerlegt. Und auch im internet feiert der Ostschlager eine fröhliche Auferstehung: Die Seiten ,,'www.smago.de" und Siggi Trzoß' Sendung,, Kofferradio " sind weltweit im Netz empfangbar. Die 68 -jährige Regina Thoss sagt, sie habe sich in den vergangenen 25 Jahren deutsch-deutscher Schlagereinheit mehrfach neu erfunden. Und tatsächlich möbelte sie alte Hits klanglich auf, produzierte neue Songs und geht mit dem einstigen Rocksänger Hans – Jürgen Beyer auf Tournee. ,,Wir haben das Classic Open Air in Leipzig gerockt", sagt er und strahlt dabei wie ein Bub mit seinem ersten Handy. Beyer war schon mit der Renft-Combo, Uve Schikora und der Bürkholz Formation als Leadsänger auf Tour. Man nannte den ehemaligen Thomaner ,,Mick Jagger des Ostens". Ein witziger Typ, der für sich keine ,,Zeit des Jammers" anbrechen sieht.
Und Sven Simon, 63, Gründer und Bandleader der Pallas Show Band, sagt mit Blick auf den Stammtisch: ,,Wir müssen aufpassen, nicht zu sehr über angebliche Erfolglosigkeit zu sülzen. Alten Weststars geht es nicht anders als uns. Die hatten aber im Gegensatz zu uns immer ein Management, das sie aufbaute und im Gespräch hielt." Pallas begleitete schon als ostdeutsche Band viele Weststars bei Konzerten, auf Galas und Tourneen. Bis heute ist sie eine vielbeschäftigte Band.
Auch Dagmar Gelbke, 64, reiste mit Regina Thoss jenseits der Mauer durchs Wellenmeer des Schlagers. Hoch auf den westdeutschen Kreuzfahrtschiffen ,,Berlin" und ,,Deutschland" vertraten sie die DDR mit ihren Hits und sammelten Ovationen und eine Menge D-Mark ein. Für Dagmar Gelbke war das ,,eine grandiose Phase meines Lebens" .Dass auch sie, wie viele andere ehemalige Oststars, ihre Zeit des nationalen Erfolgs hatte, der möglicherweise nie wieder kommt, haut sie aber nicht um. Frau Gelbke hat ein Ziel. ,,Wenn ich nächstes Jahr den Rentenbescheid kriege", sagt die Sängerin und Kabarettistin entschlossen, ,,möchte ich einen Bachelorabschluss in Kulturwissenschaften haben. " Den Master will sie dann in Hollywood machen. Der Starnmtisch neigt sich seinem Ende zu. Die Kaffeetassen sind geleert, die Kerzen abgebrannt. Als seien sie aller ihrer Lasten entledigt, albern die Mitwirkenden miteinander wie grol3e Kinder. Thoss drückt Beyer zum Abschied, Gelbke gibt Hoff ein Bussi und Siggi Trzoß .Will von den Damen und Herren noch wissen, ob es denn beim gemeinsamen Gänseessen bliebe. Kopfschütteln bei den meisten. Man habe zu viele Auftritte vor und nach Weihnachten. Vor der Tür hat es zu regnen begonnen. Regina Thoss kneift Hans-Jürgen Beyer l in den Arm. ,,Wie in meinem Lied", flüstert sie. Beide kichern wie Kinder und spazieren langsam hinaus in die Dunkelheit.

Marc Kayser, Baerbel Beuchler
Bild und Quelle: Superillu